Anmerkungen zur Vita:

von Dagobert Lindlau

Ich bin am 11.Oktober 1930 in München geboren und war trotz Krieg, Mangel, Hunger und Bomben ein gückliches, wenn auch „schwer erziehbares“ Kind.(Schulakte)
   Nach Verwundung bei einem Fliegerangriff und einer chemischen Verbrennung wurde ich in „moribundem Zustand“(Krankengeschichte) 1944 in eine Münchner Klinik eingeliefert, blieb dort fast zwei Jahre ans Bett gebunden, wurde dann ein weiteres Jahr stationär behandelt und schliesslich kaum gehfähig auf Krücken entlassen. Der FLAK-General Zenetti hatte mir dafür das NS-Verwundetenabzeichen in schwarz schicken lassen.
   Fünfte, sechste und siebte Klasse Oberschule wegen Krankheit übersprungen, dann zeitgerecht ein miserables Abitur gemacht. Bis heute hat mich glücklicherweise niemand nach dem Zeugnis gefragt.
   Dann Mädchen für alles bei einer Provinzzeitung, vom Einheizen des Kanonenofens, dem Verfassen von kommunalpolitischen Artikeln und Filmkritiken bis hin zum Redigieren des Gottesdienstkalenders. Weil ich die nackte Hildegard Knef in dem Film „Die Sünderin“ für einen entzückenden Anblick hielt, wurde der Zeitung der Gottesdienstkalender entzogen.
   Danach „Regieassistent“ bei der amerikanischen Filmgesellschaft PRINCESS PICTURS (PARAMOUNT). Tatsächlich Kaffeeholer und Textabfrager für internationale Stars. Immer noch auf Krücken. Für eine respektable Gage durfte ich zusehen wie man technisch perfekte aber schlechte Filme macht. Nebenher schrieb ich Kurzgeschichten. (MÜNCHNER ILLUSTRIERTE, QUICK, STUTTGARTER ZEITUNG und andere) Ausserdem hörte ich den Professoren der Ludwigs-Maximilians-Universität zu und verfasste für reguläre Studenten Seminararbeiten.

   1954 lockte mich das Fernsehen. Ich wollte mit echten Menschen und Ereignissen zu tun haben. Wegen eines exzellenten Filmtextes, den ein Schulfreund (der spätere TV-Regisseur Dr.Michael Braun) nach der Stoppuhr für mich schrieb und einer handschriftlichen Empfehlung von Thornton Wilder, dem ich meine Kurzgeschichten gezeigt hatte, wurde ich vom Münchner ARD-Sender engagiert. Die Folge war eine spürbare Reduktion meiner Einkünfte. Ausserdem musste ich Tag und Nacht üben, um meinem erschlichenen Ruf als Textschreiber gerecht zu werden.

   1956 sollte mein immer noch nicht verheiltes rechtes Bein am Oberschenkel amputiert werden. Eine junge und atemberaubend schöne Chirurgin, die in den USA eine bei uns kaum bekannte Transplantationstechnik gelernt hatte, legte ihr Veto gegen die Amputation ein und deckte die ausgedehnten und bis auf die Knochen reichenden Defekte mit einem halben Dutzend Operationen. Bis heute behielt ich mein Bein und sie mich. Dass ich weiterarbeiten konnte, verdanke ich ihr: Tagesschauberichte, Reportagen aus Japan, den USA und dem Nahen Osten. Oft aus Krisengebieten. Hinzu kamen Dokumentationen, Live-Regie beim Eishockey, beim Säbelfechten, beim Skispringen, beim Kegeln und bei Studiosendungen, Kommentare im ARD-Programm und TAGESTHEMEN, Präsentation des WELTSPIEGEL und Moderation bei „III nach 9“. Ausserdem investigative Berichte für die politischen Magazine von BR, NDR, SWR und WDR. Schliesslich Flug durch die Schallmauer mit einer F-100 Super Sabre von NORTH AMERICAN und durch die Hitzemauer mit einem Starfighter F-104 von LOCKHEED.


ARCHIV BR/FS: D.L. nach Flug durch die Hitzemauer, 2400 kmh, F-104 clean (ohne Tiptanks) auf dem Wright-Patterson Airfield der USAF

   Schliesslich wurde ich Chefreporter ARD/FS/BR.
Nebenher schrieb ich Filmdialoge, Essays und Übersetzungen von Theaterstücken aus dem Amerikanischen. (Connor Cruise O´Brian: „MURDEROUS ANGELS“, Joseph Heller: „WE BOMBED IN NEW HAVEN“, ein Stück, das Hans Schweikart im Berliner Schillertheater mit Ernst Schröder, Bernhard Minetti und Michael Degen in den Hauptrollen inszenierte.)

   Es ist schwierig, sich selber politisch einzuordnen. Manche meinen, dass ich ein Linksliberaler sei. Dagegen habe ich nichts, aber ich halte es für ungenau. Ich gehöre keiner Partei an, habe eine tiefe Abneigung gegen parteipolitische Kategorien und meine, dass Reporter zu politischen oder anderen Interessengruppen Distanz halten sollen. In einigen Fragen stehe ich weit links, in anderen weit rechts. Es kommt auf die Frage an. Willy Brandts Ostpolitik habe ich aktiv unterstützt, weil ich meinte, sie werde den Eisernen Vorhang öffnen.


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   Nähere bis freundschaftliche Beziehungen zu Alexander Mitscherlich, Joseph Heller, Theodor Adorno, Willy Brandt, Albrecht Fürst zu Oettingen-Spielberg, Bernhard Wicki, Graham Greene und amerikanischen Staranwälten wie F.Lee Bailey und Melvin Belli. Mein bester und ältester Freund in des Wortes doppelter Bedeutung, ist der vorsitzende Richter des Disziplinargerichts von Pennsylvanien und ehemalige Sonderankläger des US-Justizministers Mitchel, Richard A.Sprague Esq. Den Philosophen Max Horkheimer darf ich Lehrer nennen. Sein Denken hat mir bei vielen beruflichen Entscheidungen geholfen.


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   Mitte der Sechzigerjahre machte ich für die ARD eine chirurgische Serie. Mein Sender sah darin einen Beitrag zur Aufklärung. Die Schreibtischmediziner der Bundesärztekammer hatten Schaum vor dem Mund, weil man sie nicht gefragt hatte. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schrieb, niemand könne mehr einen anderen Menschen lieben, wenn er dessen übelriechendes Innere durch solche Sendungen kennenlerne. Ignoranz in Bezug auf die Verdauung eines Nahestehenden galt dem Blatt als Voraussetzung für Zuneigung. Fernsehdirektor Clemens Münster verteidigte die Reihe, an der die bedeutendsten Ärzte Europas mitwirkten, und hielt sie trotz des Proteststurms im Programm.

   1981 machte ich mit Dr.Hans Lechleitner die Sendung „DIE BEDROHUNG“. Sie hatte eine Rekordeinschaltquote und warnte vor dem Organisierten Verbrechen. Die Warnung wurde aus unterschiedlichen ideologischen Gründen von einer rot-schwarzen Koalition der Verdrängung als Hirngespinst abgetan. Der Chef des Landeskriminalamts in München erklärte, dass es so etwas in Deutschland nicht nur nicht gäbe, sondern auch niemals geben könne.

   Hart war meine Kontroverse mit dem Kollegen Franz Schönhuber, der das SS-Buch „ICH WAR DABEI“ geschrieben hatte und danach von meinem Sender zum Chefredakteur ARD/FS/BR ernannt werden sollte. Schönhuber musste schliesslich gehen und gründete die REPUBLIKANER. Zu meiner Überraschung war er im Sender von Kollegen unterstützt worden, die der politischen Linken zuzurechnen waren. Ein SPD-Rundfunkrat und der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde hatten ihm zu seinem SS-Buch „herzlich“ gratuliert. Die Bayerische Staatsregierung hatte ihm den bayerischen Verdienstorden verliehen.

   Während ich 1989 in Wien das Osteuropa-Büro der ARD leitete, gab es heftige Proteste gegen meinen WELTSPIEGEL-Bericht „DIE DÖRFER STEHEN NOCH“. Die angebliche „Dorfzerstörung“ und „Bulldozerpolitik“ Ceausescus wurden darin auf Grund eigener Recherchen, Informationen des Bundesnachrichtendienstes und Mitteilungen des deutschen Botschafters in Bukarest als ungarischer Propaganda-Coup entlarvt, auf den die gesamte westliche Presse hereingefallen war. Ceausescu hatte die Dorferneuerung schon im Jahr 1974 angeordnet, um die Landflucht und Verelendung aufzuhalten, zu der seine Diktatur geführt hatte. Das Gesetz hatte die Begeisterung des Westens für den Despoten nicht beeinträchtigt. Ceausescu wurde vom dänischen Königshaus mit einem der höchsten Orden
ausgezeichnet, den die europäische Aristokratie zu vergeben hat, dem Elefantenorden.
    Deutsche Politiker putzten noch Jahre nach dem Inkraftreten des Gesetzes in Bukarest Klinken, um in den Karpaten einen von Ceausescus Bären schiessen zu dürfen. Dann wurde über Nacht aus dem im Westen gefeierten „Conducator“ und „Demiurgen“ ein „Dracula“ und ein „zweiter Hitler“. Da sich mein TV-Bericht nicht an dieser Sprachregelung orientierte, begann eine Medienhatz von links und von rechts gegen mich, an der sich auch mein eigener Sender beteiligte. Als sich Jahre später herausstellte, dass der WELTSPIEGEL-Bericht die Situation zutreffend geschildert hatte, nahm mein Sender seine Anschuldigungen in einer Radiosendung zurück.

   Im Lauf der Zeit haben sich ein paar Preise angesammelt. Stolz bin ich auf einen Grimme-Preis für das Interview mit Max Horkheimer zum „faschistischen Antifaschismus“ im Jahr 1967. Es war eine Kritik am politischen Kampf und an einem Klima, in dem die RAF mit Mord und Totschlag für eine gerechte Welt kämpfen wollte. Eine solche Thematik fand damals noch Platz in der Hauptsendezeit der ARD. Einen weiteren Grimme-Preis gab es 1970 für „PERRY MASON LEBT“.
Dann folgte 1986 die „Besondere Ehrung für hervorragende Verdienste um das Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland“ des Grimme-Preises.

   1987 erschien das Buch „DER MOB – Recherchen zum Organisierten Verbrechen“ und wurde zu einem Bestseller. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte es während einer seiner Abmagerungskuren gelesen. Er flog Polizeiführer nach Bonn ein und entband sie von der Berichtspflicht. Sie bestätigten ihm meine Thesen. Der Text trug dazu bei, dass die Verdrängung der Gefahr beendet wurde. Dann kamen die Bestseller RAKKET und DER LOHNKILLER. Schliesslich der Roman STRAGLERS WOCHE, eine St.Pauli-Saga, die ich für die Bühne umschrieb und die im Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit Eva Mattes und Sepp Bierbichler in den Hauptrollen aufgeführt wurde.

Vor Kurzem erschien bei PIPER „REPORTER – Eine Art Beruf“. In dem Buch werden meine spannendsten, bewegendsten oder auch komischsten beruflichen Erfahrungen geschildert. Es geht um Ereignisse, über die berichtet wurde, obwohl es sie nicht gab, und um andere, die es gab, obwohl nicht über sie berichtet wurde, um den Zustand der Medien, um absichtliche Fälschungen oder unabsichtliche Desinformationslawinen und den Einfluss von Parteien und Verbänden auf die Massenmedien. Schließlich geht es um das zunehmende Unbehagen von Bürgern, vor deren Augen die noblen Prinzipien der repräsentativen Demokratie zum bloßen Gerangel einer Parteiendemokratie verkommen.

   Privat schiesse ich Tontauben, spiele Bridge oder Poker, mache Spazierstöcke aus Schwarzdorn, befasse mich mit Gebrauchshunden und aquarelliere Landschaften.
   Wenn etwas schief geht, mache ich alle verantwortlich, nur nicht mich. Das lässt mich die Ungerechtigkeit der Welt leichter ertragen, macht mich aber hin und wieder ungeniessbar. Während meiner Arbeit als Reporter in der Hippie-Szene von San Francisco habe ich die meisten illegalen Drogen probiert und nie verstanden, was daran reizvoll sein soll. Mich machen schöne Landschaften „high“, alte Bäume und kontrastreich gemaserte Gewehrschäfte aus dem Holz der Juglans regia (Walnussbaum). Ich habe mir nach langer Übung die Kunst angeeignet, in die Luft zu schauen, ohne an etwas zu denken. Je älter ich werde, desto kindischer kommt mir das Fernsehen vor. Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich alles werden, bloss nicht Journalist. Schon gar nicht beim Fernsehen.


Copyright Ingeborg F.Meier

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